Psychologische Betreuung

Herzkind Lone und Dipl-Psych. Ina Rotermann

Interview mit Dipl.-Psychologin Ina Rotermann

Die Stiftung KinderHerz fördert seit November 2009 die Stelle einer psychologischen Fachkraft an der Klinik für Kinderkardiologie in Kiel. Die Diplom-Psychologin Ina Rotermann betreut Herzkinder mit ihren Familien.

SKH: Die psychologische Betreuung von Familien mit herzkranken Kindern ist nicht selbstverständlich. Warum haben Sie sich entschieden, in diesem Bereich zu arbeiten?

Ina Rotermann: Ich habe mich für diesen Bereich entschieden, weil die Arbeit insgesamt enorm vielfältig ist. In der Betreuung von chronisch kranken Kindern geht es nicht nur um die optimale Versorgung und Unterstützung des Herzkindes sondern immer um die gesamte Familie die von der Erkrankung betroffen ist. Einige Familien kenne ich jetzt schon ein paar Jahre und begleite sie seit der Diagnose oder den ersten Operationen. Am Anfang ist die Diagnose eines schweren Herzfehlers immer ein großer Schock und führt zu vielen Ängsten und Sorgen. Es ist aber schön zu sehen, wie eine Familie mit der Zeit Strategien erwirbt, um ein möglichst „normalen“ Familienalltag zu gestalten mit all den Einschränkungen, welche die jeweilige Erkrankung mit sich bringt. Und wenn ich ihnen dabei behilflich sein kann und sehe, dass sie eine gute Lebensqualität haben, dann freut mich das sehr und bestärkt mich in meiner Arbeit.

SKH: Sie betreuen herzkranke Kinder und deren Familien. Wie sieht Ihre tägliche Arbeit aus?

Ina Rotermann: Ich betreue sowohl die ambulanten als auch die stationären Herzkinder und deren Familien. Fast täglich bin ich auf der kardiologischen Station und der Intensivstation zu finden. Auf den Stationen besteht meine Arbeit primär darin, die Kinder- und Jugendlichen sowie deren  Familien bei der Verarbeitung und der Bewältigung schwerer (chronischer) Erkrankungen zu unterstützen und die familiären und individuellen Ressourcen bei langen Krankenhausaufenthalten zu stärken.
Da besonders ältere Kinder vor (erneuten) Operationen und invasiven Eingriffen viele Ängste haben, versuchen wir als interdisziplinäres Team gemeinsam diese zu reduzieren, indem wir sie kindgerecht über ihre Erkrankung informieren und aufklären sowie geeignete Ablenkungsstrategien entwickeln.
Auch die Begleitung sterbender PatientInnen sowie deren Angehörigen gehört manchmal zu meiner Arbeit dazu. Hier versuche ich Ihnen so gut es geht zur Seite zu stehen und den Abschied würdevoll, angenehm und liebevoll zu gestalten.

SKH: Wie können Sie nach der Behandlung - z.B. einer Operation - helfen?

Ina Rotermann: Die ambulante Nachsorge ist ein weiterer Schwerpunkt meiner Arbeit. Viele Eltern möchten wissen, wie sich ihr Kind trotz der Einschränkungen, welche die jeweilige Erkrankung mit sich bringt, entwickelt. Zum größten Teil geht es um die Einschätzung der kognitiven Entwicklung (Intelligenz, Gedächtnis, Konzentration, exekutive Funktionen, Sprachentwicklung etc.) bzw. von Teilleistungsschwächen bei Schulkindern. Bei bestehenden Auffälligkeiten stehe ich  den Eltern beratend zur Seite bzw. helfe bei der Weitervermittlung zu Beratungszentren oder eventuellen Fördermöglichkeiten. Bei Jugendlichen versuche ich unterstützend tätig zu sein, wenn es um die Fragen zur Berufswahl geht.

SKH: Sie haben die Familienmitglieder angesprochen. Wie beeinflusst die Krankheit eines Kindes die Eltern? Sind auch die Geschwister davon betroffen?

Ina Rotermann: Die Versorgung eines schwerkranken chronischen Kindes ist eine enorme Belastung für die gesamte Familie. Oft leidet die  Beziehung oder die Arbeit. Auch die Geschwisterkinder fühlen sich zum Teil vernachlässigt und zurückgesetzt. Gemeinsame familiäre Aktivitäten sind selten und müssen oft lange im Voraus geplant werden. Bei besonders schweren oder komplizierten Verläufen, die mit langen Krankenhausaufenthalten verbunden sind, können Eltern nicht allen Kindern gerecht werden. Oft haben sie ein schlechtes Gewissen, Selbstzweifel oder das Gefühl schlechte Eltern zu sein. Sie können dem Geschwisterkind nicht die gewohnte Zuwendung oder Aufmerksamkeit geben. Manche Kinder fühlen sich dadurch verdrängt, allein oder aus der Familie ausgeschlossen. Dies kann dazu führen, dass sich die Geschwister zurückziehen, aggressiv werden oder regressives Verhalten wie z.B. Bettnässen zeigen.

SKH: Gibt es auch positive Effekte?

Ina Rotermann: Es gibt Studien, die zeigen, dass Geschwisterkinder zum Teil widerstandsfähiger sind, vermehrt Empathie und Selbstsicherheit zeigen, früher selbstständig und verantwortungsbewusster sind und dass insgesamt ein stärkerer familiärer Zusammenhalt besteht.

SKH: Welche psychischen Folgen können sich aus einer Herzkrankheit ergeben?

Ina Rotermann: Die Folgen hängen meist mit der Schwere des Herzfehlers und dem individuellen Verlauf bzw. mit den prä-, peri und postoperativen Komplikationen zusammen. Besonders Kinder und Jugendliche mit sehr schweren Herzerkrankungen wie beispielsweise dem HLHS haben ein erhöhtes Risiko für Entwicklungsstörungen, Anpassungsstörungen, Essstörungen, Angststörungen oder Verhaltensstörungen.

SKH: Können Sie solche Störungen verhindern? Wenn ja, wie?

Ina Rotermann: Damit sich solche psychischen Erkrankungen erst gar nicht entwickeln oder manifestieren, ist eine frühzeitige und langfristige Diagnostik und Behandlung durch einen Psychologen wichtig und wünschenswert. Bisher bieten leider nicht alle Kliniken solche Behandlungen an.

SKH: Was sind Ihrer Meinung die wichtigsten Gründe für eine psychologische Betreuung herzkranker Kinder und deren Familie?

Ina Rotermann: Bei der psychologischen Arbeit geht es zum großen Teil darum, die persönlichen und familiären Stärken und Ressourcen herauszuarbeiten und diese zu stärken, damit die Erkrankung besser bewältigt und ein weitestgehend normaler Familienalltag gelebt werden kann. Bekommt die Familie die Diagnose einer schweren Erkrankung existieren Ängste und Sorgen, denn das ursprüngliche Familienleben gibt es nicht mehr, es kommt zu erheblichen Veränderungen. Zunächst ist es einfach nur wichtig, dass sie jemanden haben, dem sie sich anvertrauen können.

SKH: Wie gehen ältere Jugendliche, insbesondere in der Pubertät, mit ihrer Krankheit um?

Ina Rotermann: Jugendliche gehen ganz unterschiedlich mit ihrer Erkrankung um, dass  hängt auch immer von der Schwere und den möglichen Folgeerkrankungen sowie der emotionalen Stabilität ab. Einige müssen erst lernen im Alltag mit ihren Einschränkungen zu leben.

SKH: Gibt es Unterschied zwischen Mädchen und Jungen?

Ina Rotermann: Gerade für Jungs, die in der Pubertät anfangen sich mit Gleichaltrigen hinsichtlich ihrer Kräfte zu messen, kann es deprimierend sein, wenn sie beim Sport nicht die Leistung erbringen können, die sie gerne möchten. Andere müssen täglich Medikamente nehmen oder sich an bestimmte Verbote halten (z.B. Verzicht auf Alkohol, Nahrungsmittel, Tiere). Das erfordert jede Menge Disziplin und kooperatives Verhalten. Deshalb ist es immer wichtig, dass Kinder und Jugendliche genau über ihre Erkrankung informiert und aufgeklärt sind. Ein Teil der späteren therapeutischen Arbeit ist deshalb auch immer die Förderung des Wissens, der eigenen Fertigkeiten sowie der Selbstwahrnehmung und –wirksamkeit.