Schutz vor bleibenden Hirnschäden
Interview mit Dr. Gunter Kerst
Die Erkenntnisse über die Auswirkungen von Herzfehlern auf die Durchblutung des Gehirns sind bisher ausgesprochen gering. Dies betrifft insbesondere die Zeit, in der die Kinder auf die Behandlung warten. Mit Unterstützung der Stiftung KinderHerz realisiert die Abteilung Kinderkardiologie des Universitätsklinikums Tübingen eine detaillierte Untersuchung der Durchblutung des Gehirns von Neugeborenen mit angeborenen Herzfehlern. Dr. Gunter Kerst gehört zum Tübinger Experten-Team und erklärt das Projekt.
SKH: Herr Dr. Kerst, erklären Sie doch bitte medizinischen Laien, was sich hinter dem Projekt verbirgt.
Dr. Kerst: Mediziner haben bisher bei der Wahl des Operationszeitpunktes vor allem darauf geachtet, dass der angeborene Herzfehler von Neugeborenen bestmöglich operiert werden kann. Wir vermuten aber, dass es bei schweren Herzfehlern für das Gehirn besser wäre, früher zu operieren oder die medikamentöse Therapie anders zu gestalten. Das hat einen einfachen Grund: Die Durchblutung des Gehirns vor dem Eingriff könnte nicht optimal sein. Wir untersuchen daher in diesem Projekt, ob die Hirndurchblutung bei Neugeborenen mit angeborenen Herzfehlern genauso gut ist wie die von gesunden Neugeborenen. Erste Ergebnisse bestätigen unsere Vermutung, dass dem nicht so ist.
SKH: Wie kommen Sie zu dieser Vermutung?
Dr. Kerst: Von unseren neuropädiatrischen Kollegen wissen wir, dass manche herzoperierten Kinder Schwächen im Bereich ihrer intellektuellen und motorischen Fähigkeiten haben. Zu diesem Thema unterstützt Ihre Stiftung ja auch ein entsprechendes Forschungsprojekt am Universitätsklinikum Leipzig. Es ist wichtig zu überprüfen, welche entwicklungsneurologischen Probleme Kinder mit operiertem Herzfehler haben, und wie wir diese Kinder speziell fördern können.
SKH: Und elementar ist doch auch, das Problem an der Wurzel zu packen.
Dr. Kerst: Absolut. Daher ist es genauso wichtig zu erforschen, wo vor den Eingriffen Gefahren für das Gehirn lauern und wie wir das Gehirn des Neugeborenen optimal schützen können. Eine Gefahr könnte die verminderte Hirndurchblutung bei komplexen Herzfehlern sein. Deshalb möchten wir die Gehirndurchblutung vor den Operationen exakt messen. Dadurch erhoffen wir uns Erkenntnisse, wie wir die Behandlung unserer kleinen Patienten weiter verbessern können.
SKH: Wie müssen wir uns eine Messung der Hirndurchblutung vorstellen? Ist sie für die kleinen Patienten nicht anstrengend?
Dr. Kerst: Nein, überhaupt nicht. Genau das ist eine der beiden Stärken der von uns gewählten Untersuchungsmethode: Die Messung erfolgt direkt am Bett der kleinen Patienten. Die Neugeborenen merken davon fast gar nichts, meistens schlafen sie während der 20 Minuten, die eine solche Untersuchung dauert. Wir bringen das moderne und speziell ausgestattete Ultraschallgerät, das wir Dank der Spender Ihrer Stiftung zur Verfügung haben, direkt ans Bett.
SKH: Durch die Untersuchung wird das Kind also in keiner Weise belastet?
Dr. Kerst: Genau. Das ist uns wichtig. Eine Ultraschalluntersuchung wird ja – weil sie so schonend ist – schon während der Schwangerschaft durchgeführt. Die Eltern können gern dabei sein.
SKH: Ist die Untersuchung für die Ärzte kompliziert?
Dr. Kerst: Viele werden denken, dass eine solche Ultraschalluntersuchung nicht kompliziert sei. Aber das ist ein Irrtum. Diese spezielle Methode ist zweifelsohne sehr komplex – weil sie nur dann funktioniert, wenn der Arzt diese Methode speziell erlernt hat und alle Details berücksichtigt, die für ein genaues Messergebnis notwendig sind. Die Genauigkeit ist übrigens die zweite Stärke dieser Untersuchungsmethode. Sie wurde von Prof. Dr. Martin Schöning, leitender Oberarzt der Abteilung Neuropädiatrie, Entwicklungsneurologie und Sozialpädiatrie am Universitätsklinikum Tübingen, über viele Jahre etabliert und auf ihre Zuverlässigkeit hin überprüft. Weil mich interessierte, ob die Hirndurchblutung auch bei schweren Herzfehlern ausreichend ist, habe ich mich dann selbst – mit der Unterstützung von Prof. Schöning - weitergebildet und die Methode erlernt. Natürlich musste ich dann erst überprüfen, ob wir ähnlich genaue Ergebnisse erhalten und ob wir die Methode für unsere Fragestellung so einsetzen können.
SKH: Wie sind Ihre ersten Tests verlaufen?
Dr. Kerst: Sehr zufriedenstellend. Wir sind regelrecht begeistert. Die Methode ist sehr zuverlässig und könnte sogar genauere Ergebnisse liefern als zum Beispiel eine Kernspintomographie, die ja auch als Untersuchung viel aufwändiger für die Kleinen ist. Wir bekommen eine genaue Information darüber, wie viele Milliliter Blut das Gehirn in einer Minute durchströmen. Und diese Informationen werden auch noch mit dem Körpergewicht und Hirnvolumen verbunden. Mit einer Doktorandin zusammen haben wir an 20 gesunden Kindern vergleichende Untersuchungen durchgeführt. Eine erste Analyse zeigt eine sehr gute Übereinstimmung der unabhängig durchgeführten Messungen.
SKH: Haben Sie auch schon herzkranke Kinder untersucht?
Dr. Kerst: Inzwischen haben wir 24 Neugeborene mit angeborenem Herzfehler untersucht. Damit wir aber Aussagen über die Hirndurchblutung bei den einzelnen Herzfehlern machen können, müssen wir noch viel mehr Neugeborene untersuchen. Dies werden wir gemeinsam mit meinem Kollegen Dr. Binder in Angriff nehmen und gleichzeitig beginnen, die Daten zu analysieren und auszuwerten. Ich bin überzeugt, dass wir bald Ergebnisse vorweisen können, die uns Hinweise darauf geben, wie wir Neugeborene mit angeborenem Herzfehler besser versorgen können. Die Untersuchungen sind aber sehr aufwändig und nur durch die Unterstützung der Stiftung möglich.
SKH: Wie sehen Sie die Perspektive für die Zukunft?
Dr. Kerst: Wir möchten das Projekt gern erweitern und noch mehr über das Gehirn von herzkranken Kindern lernen, um es in Zukunft noch besser zu schützen. Aber das ist natürlich auch immer eine Frage des Personals, der Mittel und der Zeit. Deshalb möchten wir der Stiftung ausdrücklich danken und freuen uns selbstverständlich über weitere Unterstützung.
Dr. Gunter Kerst, geboren 1970 in Karlsruhe, ist verheiratet und Vater zweier Kinder. Seit dem Jahr 2000 arbeitet er in der Klinik für Kinder- und Jugendmedizin am Universitätsklinikum Tübingen und ist seit März 2009 als Oberarzt des Bereichs pädiatrische Rhythmologie, Herzschrittmachertherapie und klinische Elektrophysiologie an der Universitätsklinik für Kinder- und Jugendmedizin, Tübingen, tätig.

