Ein treuer Max für Herzkind Steffi

Das Herzkind Stefanie
Herzkind Steffi mit ihrem heißgeliebten Berner Sennehund Max

Max wartet vor der großen Eingangspforte. Die Tübinger Uniklinik ist einer der wenigen Orte, an die er seine Stefanie nicht begleiten kann. Die Kinderkardiologie ist Tabuzone für Vierbeiner, selbst mit ausgeprägtem Wachhund-Instinkt. Hier übernehmen die Ärzte und Krankenpfleger, jedoch nicht minder fürsorglich.

Der 11-jährigen Stefanie tut ihr sanfter Berner Sennehund Max unheimlich gut. Die beiden leben auf einem Bauernhof auf der schwäbischen Alb, zusammen mit Stefanies Eltern, Schwester Christine und vielen anderen Tieren. Max und Steffi weichen einander nicht von der Seite - abgesehen von  den Schulzeiten und dem jährlichen Kontrollbesuch im Kinderherz-Zentrum der Universitätsklinik Tübingen.

Es war ein hektischer Tag, an dem sich Stefanie vier Wochen früher als geplant im Bauch regte, um das Licht der Welt zu erblicken, erinnert sich Mutter Ulrike. Hebammen und Ärzte hatten alle Hände voll zu tun. Zahlreiche Babys wurden in diesen Stunden im April geboren. „Trotzdem habe ich mich hier jederzeit gut aufgehoben gefühlt“, erzählt die Mutter. „Wir waren zur richtigen Zeit am richtigen Ort.“

Denn: Die Angst suchte sie erst am Abend nach der Geburt heim. Stefanies Sauerstoffwerte waren beunruhigend. Der Oberarzt rief einen Kinderherz-Spezialisten hinzu. Der entschied: Das Mädchen muss sofort am nächsten Tag operiert werden. Stefanie litt unter einer kritischen Pulmonalstenose. Die Ader, die von ihrer rechten Herzkammer zur Lunge führt, war zu eng. „Sogar ausgesprochen eng!“, staunte selbst Professor Hofbeck, Leiter der Kinderkardiologie. Die Herzklappen waren verklebt. Stefanies Herz arbeitete dadurch unter extremer Belastung gegen diesen Widerstand an. Hätten die Ärzte nicht umgehende reagiert, wäre dieser Herzfehler in wenigen Stunden lebensbedrohlich geworden.

Das Herzkind Stefanie
Heute kann Steffi relativ unbeschwert mit ihrem Herzfehler leben

„Als Mutter über 40 habe ich mit Komplikationen gerechnet, doch in dem Moment der Diagnose ‚Herzfehler‘ brach eine Welt für mich zusammen“, sagt Stefanies Mutter. Schockstarre, ein Ausnahmezustand. In den Fachzeitschriften im Wartezimmer des Frauenarztes hatte sie gelesen, dass 1 von 100 Kindern mit einem Herzfehler geboren wird. Jetzt war ihre Familie selbst betroffen. Auf die Hiobsbotschaft folgte eine schlaflose Nacht. Papa Karl Josef berichtet Ulrike erst am nächsten Morgen von der bevorstehenden, heiklen Operation seiner Tochter. Dann gaben sie gemeinsam das kleine Bündel Kind in die Obhut der Ärzte.

Mit Hilfe eines 0,4 Millimeter dünnen Katheterdrähtchens führte Professor Hofbeck einen winzigen Ballon über die Blutgefäße bis zur Engstelle am Herzausgang. Dort wurde der Ballon aufgebläht, die Verklebung gelöst und so der Weg für das Blut zur Lunge geöffnet.

14 Tage später durfte Steffi zum ersten Mal in ihrem Leben nach Hause und alle Schläuche, Sonden und Sorgen hinter sich lassen. Sie wuchs an der Seite von Kälbchen und Kätzchen heran. Sie begleitete Mama im Kinderwagen in den Stall, lernte laufen, und gewann Hofhund Max lieb. Inzwischen besucht sie das Gymnasium und gemeinsam mit ihrer Schwester Nähkurse. Mütze, Kleid und Kissen hat sich bereits alleine genäht. In den Ferien helfen beide ein bisschen bei der Hofarbeit. Vor übermäßigem Ehrgeiz bei körperlichen Aktivitäten muss sich die Schülerin in Acht nehmen. Normalerweise, versichern die Kinderkardiologen den Eltern, wissen die kleinen Patienten selbst, wann es zu anstrengend für ihr Herz wird.

Die Familie schaut sich regelmäßig Fotos von Stefanies ersten Lebenstagen an. „Je älter unsere Tochter wird, desto bewusster wird auch ihr, welch großes Glück sie hat, heute relativ unbeschwert mit ihrem Herzfehler leben zu können“. Dem medizinischen Fortschritt sei Dank.

Mutter Ulrike nennt es eine Fügung des Schicksals, dass Sie in der Uniklinik Tübingen gelandet ist. „Durch das Leben auf dem Bauernhof sind wir daran gewöhnt, dass jeden Tag etwas passieren kann, das über Wohl und Wehe des ganzen Betriebs entscheiden kann, zum Beispiel wenn das Vieh krank wird. Manchmal kann es dann rasch zu Ende gehen für die Tiere. Deshalb betrachtet wir das Geschenk, dass unser Kind leben darf, vielleicht mit noch größerer Demut“, sind Stefanies Eltern überzeugt. „Wir sind dankbar, dass es Ärzte gibt, die sich für die Kinderherz-Medizin begeistern.“

Ein mulmiges Gefühl kehrt jedoch regelmäßig zurück, wenn der Nachsorgetermin näher rückt. Mittels EKG und Ultraschall kontrollieren die Ärzte, ob die Herzklappe undicht geworden ist. „Stefanie hat keine Einschränkungen“, sagt Professor Hofbeck.

Und sie gedeiht, als ob nie etwas gewesen wäre. Für die Zukunft hegt sie bereits große Pläne: Sie möchte den Hof ihrer Eltern übernehmen, der bereits den Großeltern gehörte und schon im 16. Jahrhundert existierte. Natürlich nur zusammen mit Max, dem Wachhund.