Faustus' Rettung war weltweit einmalig

„Ich hätte nie zu hoffen gewagt, dass unser kleiner Faustus mit seinem halben Herz noch so viel Glück haben kann", sagt Mama Fanny
„Ich hätte nie zu hoffen gewagt, dass unser kleiner Faustus mit seinem halben Herz noch so viel Glück haben kann", sagt Mama Fanny

 

Es war der komplizierteste angeborene Herzfehler, den die Kinderkardiologen des Deutschen Herzzentrums München jemals erlebt haben. Faustus kam nur mit einem halben Herz zur Welt. Er hatte nur einen Vorhof, eine funktionierende Kammer und keine ausreichende Verbindung zur Lunge. Außerdem waren die übrigen Blutgefäße völlig anders angeschlossen und falsch miteinander verbunden. Es lag somit eine Kombination gleich mehrerer schwerer Herzfehler vor.

Faustus' Körper bekam zu wenig Sauerstoff, doch eine dringend benötigte Operation war wegen einer sehr komplizierten Lungendurchblutung nicht möglich. Eigentlich ein sicheres Todesurteil. Doch die Kinderkardiologen des Deutschen Herzzentrums München konnten ihn mit einem weltweit einmaligen Eingriff retten.

"Wir haben einfach etwas versucht, was noch nie jemand zuvor gewagt hatte“, schildert Kinderkardiologe Prof. Peter Ewert. „Mit zwei hauchdünnen Herzkathetern von oben und unten und winzigen Drahtröhrchen ist es uns gelungen, das halbe Herz auch ohne offene OP an die wichtigen Blutgefäße anzuschließen, von denen es durch eine Laune der Natur getrennt war. Jetzt hat Faustus die Chance, trotz seiner Herzfehler einigermaßen normal aufwachsen, spielen, toben und zur Schule gehen zu können. Wir glauben, dass er eine lebenswerte Zukunft vor sich hat.“ Faustus hat sich inzwischen zu einem kleinen Sonnenschein entwickelt.

Für Mama Fanny aus Dresden begann das Drama schon während der Schwangerschaft: „Im fünften Monat ging ich zur Routine-Untersuchung mit Ultraschall. Der Doktor meinte, er könne das Herz meines Ungeborenen nicht richtig erkennen und schickte mich zu einem Spezialisten. Auch dessen Untersuchung dauerte auffallend lange. Das Gesicht des Arztes wurde immer ernster. Schließlich eröffnete er mir, dass das Baby wohl einen sehr komplexen Herzfehler hätte, den er so noch nie gesehen habe." Alle Experten schienen ratlos.

Bei der Geburt ging alles glatt. Faustus sah normal aus, wog 2.900 Gramm, war 52 Zentimeter groß und konnte allein atmen. "Doch ich bekam ihn nur für eine Minute auf den Bauch um ihn zu begrüßen. Dann brachten ihn die Kinderärzte sofort zur Untersuchung“, erzählt die Mutter. Die ersten Laborwerte und Ultraschall-Untersuchungen waren gut und er musste nicht künstlich beatmet werden. Zwei Tage später folgte die erste Untersuchung mit einem Baby-Herzkatheter. Der Befund war so wie befürchtet: Bei Faustus lagen sieben Herzfehler gleichzeitig vor.

tl_files/contentbilder/herzkinder/Faustus_13_web.jpgAuch Prof. Peter Ewert, Klinikdirektor des Münchner Herzzentrums, hatte einen vergleichbaren Fall noch nie gesehen: "Anfänglich schaffte es das kleine Herz noch, über Umwege und Umgehungskreisläufe genügend Sauerstoff in den Körper zu transportieren. Doch dieser Zustand würde nicht lange anhalten und das Kind müsste nach etwa zehn Tagen operiert werden.

In ihrer Verzweiflung befolgten Faustus' Eltern den Rat eines Dresdener Herzspezialisten und wandten sich an das Deutsche Herzzentrum München. Prof. Ewert entschloss sich, etwas völlig Neues zu versuchen: „Die Lungenvenen transportieren normalerweise das sauerstoffreiche Blut aus der Lunge zum Herz und münden dazu in den Herzvorhof“, erklärt er. Bei Faustus zogen sie jedoch hinter dem Herz vorbei und mündeten durch eine Verengung in die Hohlvene. Deshalb bekam sein kleiner Körper zu wenig Sauerstoff.

"Ohne Behandlung hätte dieser Zustand binnen kurzer Zeit zum Tode geführt", so Ewert. "Wir mussten also versuchen, eine funktionierende Verbindung zwischen dem Herzvorhof und den Lungenvenen herzustellen. Und zwar ohne Operation, nur mit einem Katheter. Denn dazu brauchen wir keine Herz-Lungen-Maschine.“ Allerdings hatte bisher noch keine Klinik weltweit so einen komplizierten Eingriff durchgeführt.

tl_files/contentbilder/herzkinder/Faustus_17_web.jpgÜber die Leistenvene führte das Expertenteam einen Katheter von unten bis in den Herzvorhof. Gleichzeitig gelangten sie mit einem zweiten Katheter von oben über die Halsvene in die Lungenvene. Das Herz von Faustus war gerade mal so klein wie eine Walnuss. "Als beide Katheterspitzen wenige Millimeter voneinander entfernt lagen, bohrten wir mit einer elektrischen Hochfrequenzsonde über den unteren Katheter eine winzige Öffnung durch die Wand des kleinen Herzvorhofs", erklärt der Professor. "Durch dieses Loch wiederum schoben wir dann ein zusammengefaltetes Gitterröhrchen bis in eine Lungenvene und dehnten es mit einem kleinen Ballon auf. Damit hatten wir eine Art Tunnel hergestellt." Nach drei Stunden war der Eingriff beendet und das sauerstoffreiche Blut konnte endlich direkt ins Herz fließen.

"Wir wussten, wie riskant der Eingriff war und hatten uns innerlich schon von Faustus verabschiedet“, gesteht die junge Mutter Fanny. „Umso größer war unsere Erleichterung, als uns Prof. Ewert die frohe Kunde überbrachte, dass alles gutgegangen war.“ Faustus erholte sich rasch. Weil sein Körper jetzt genug Sauerstoff bekommt, ist er wieder belastbar, hat Appetit, lacht viel und spielt vergnügt.

Trotz dieses Erfolgs war er jedoch noch nicht endgültig über den Berg. Zu Hause kontrollieren Faustus Eltern nun täglich mit einem kleinen Gerät die Sauerstoffsättigung und schicken die Werte per Handy an das Münchner Herzzentrum. Weil sich die Werte verschlechterten, wurde dem Jungen ein zweiter Stent zwischen Herz und Lungenvene eingesetzt. Auch dieser zweite Eingriff verlief glatt.

Inzwischen kommen Mutter und Kind nur noch alle sechs Wochen zur Ultraschall-Kontrolle. Prof. Ewert: „Faustus entwickelt sich jetzt sehr gut. Allerdings wachsen die beiden eingesetzten Stents nicht mit. Deshalb müssen wir sie irgendwann erweitern. Das ist jedoch mit einem weitaus einfacheren Kathetereingriff gut machbar.“

(Text und Fotos: DHM)