Lebensmut ist für Kinder eine Selbstverständlichkeit

Dr. Claudia Croos-Müller entwickelte die "Body 2 Brain"-Methode. Sie sagt: Der Körper kann über bestimmte Aktivitäten Gefühle wie Mut  erzeugen.
Dr. Claudia Croos-Müller entwickelte die "Body 2 Brain"-Methode. Sie sagt: Der Körper kann über bestimmte Aktivitäten Gefühle wie Mut erzeugen.

 

In unserem Sprachgebrauch gibt es viele Worte und Redewendungen, die Mut dem Herzen zuordnen: Beherzt sein, sich ein Herz fassen, das Herz am rechten Fleck haben. Aber auch Kummer, Sorgen, Angst oder Zorn drücken sich über das Herz aus: Das nehme ich mir zu Herzen, das bricht mir das Herz, vor Schreck bleibt mir das Herz stehen. Körpersprache ist die älteste Sprache der Welt.

Dr. med. Claudia Croos-Müller ist Ärztin für Neurologie, Nervenheilkunde und Psychotherapie. Sie arbeitet mit der „Body 2 Brain“-Methode, die auf der direkten Beziehung zwischen dem Körper und den emotionalen Zentren im Gehirn basiert. „Der Körper drückt nicht nur eine Stimmung aus, sondern hat das enorme Potenzial, über bestimmte Aktivitäten selbst Gefühle zu erzeugen und zu steuern“, erklärt sie. Zum Beispiel Mut. Croos-Müller entwickelte kleine, alltagstaugliche Stabilisierungsübungen für verschiedene Gelegenheiten. Erste Anwendung fanden sie bei traumatisierten Herzpatienten. Psychopharmaka waren bei der Behandlung ein Tabu.

 

Frau Dr. Croos-Müller, „Hand aufs Herz“ ist mehr als eine Redewendung. Was steckt dahinter?

Dr. Claudia Croos-Müller: Jede liebevolle Berührung wird von den Hautnerven dankbar aufgenommen, dem Gehirn gemeldet und erzeugt dort Beruhigung, Trost und Zuversicht. Gerade im Brust- und Herzbereich liegen Fasern des Nervus vagus, einem der zwölf Hirnnerven, der am Herzen für beruhigende Impulse zuständig ist. Viele Vorgänge lassen sich neurologische erklären. Ich kann Patienten im Kernspintomographen zeigen, wie das Angst-Areal im Gehirn durch bestimmte Übungen deaktiviert wird.

Ein herzkrankes Kind kommt in den OP. Seine Eltern können lediglich warten und hoffen, dass der Eingriff gut verläuft. Folgenschwere Diagnosen können selbst lebensmutige Menschen verzweifeln lassen. Wie können sie in so einer Situation Mut schöpfen?

Dr. Claudia Croos-Müller: Es ist normal und menschlich, dass einen mal Mut und Zuversicht verlassen und Angst aufkommt. Wichtig ist, das rechtzeitig zu erkennen und gegenzusteuern. Kinder sind diesbezüglich viel klüger. Sie handeln instinktiv: Sie fokussieren sich auf Schönes, Interessantes, Lustiges – deshalb sind Klinikclowns auch so erfolgreich. Eltern voller Angst und Sorgen schicke ich hinaus in die Natur und in den Alltag mit dem Auftrag, die Augen und die Ohren aufzumachen: „Was sehe ich Besonderes, was höre ich Überraschendes?“. Davon sollen sie dann den Kindern erzählen. Das stärkt beide Seiten. Für die Produktion von antidepressiven Hormonen und Neurotransmittern ist diese Vorgehensweise sehr wertvoll. Das Gehirn beschäftigt sich lieber mit Lustvollem als sich zu sorgen. Auch das Vorlesen von Helden- und Mutgeschichten hat einen wichtigen psychomentalen Effekt: Eltern und Kinder entwickeln dadurch wieder ein Gefühl für Mut.

tl_files/contentbilder/Aktionen unserer Partner/MissionMut/HandaufHerz, Web.jpgSie praktizieren Übungen, um das Zurückholen von Mut gezielt zu unterstützen. Geben Sie uns ein Beispiel!

Dr. Claudia Croos-Müller: Ich empfehle meine „Herzpflaster-Übung“ – die Brust streicheln, das Herz berühren – und das Strohhalm-Atmen: Beim Einatmen die Lippen spitzen und Mut-Luft wie mit einem großen Strohhalm einsaugen. Beim Ausatmen die Angst mit lockeren Lippen abschnauben wie ein Pferd. Solche Nebenbei-Körperübungen sind für die Kinder, die Eltern, die Ärzte und das Pflegepersonal gut. Die Wirkung kleiner Körperinterventionen für das Gehirn und dessen Emotionsbereiche ist enorm. Das bestätigen viele Erkenntnisse der Kognitionswissenschaften. Wir alle sollten mehr solcher Psychohygiene-Rituale regelmäßig praktizieren, um Alltagsbelastungen und Krisensituationen besser zu bewältigen. Sind die Eltern stabil, überträgt sich das auf ihr Kind.

Viele Herzkinder sind kleine Kämpfernaturen. Ist (Lebens-) Mut angeboren?

Dr. Claudia Croos-Müller: Ja. Jedes Lebewesen will leben, das impliziert schon der Begriff. Besonders Kinder haben noch Lebenslust. Resignation oder Pessimismus sind ihnen fremd. Das Kämpfen um ihr Leben ist ihnen eine Selbstverständlichkeit. Und bei Bedarf werden sie in der Tat zu kleinen Kämpfern. Es gibt zwei „Body 2 Brain“ Übungen, um psychomentale Kraft zu entwickeln, Mut zu spüren und Wut loszuwerden: Beim „Boxen“ gibt man der Krankheit und der Angst mit Genuss eines auf die Nase. Links und rechts im Wechsel, das geht auch im Bett liegend. Beim „Wolken wegschieben“ werden die Arme angewinkelt in Schulterhöhe hoch genommen. Die Handflächen zeigen nach vorne. Beim Ausatmen dann die Arme nach vorne durchstrecken und so Angst und Wut wegschieben. Das Faszinierende bei Körperübungen ist, dass man sofort einen Effekt spürt. Bei Kindern geht es schneller, weil sie offener sind. Es funktioniert aber bei jedem.

Haben Sie eine persönliche kleine Heldengeschichte?

Dr. Claudia Croos-Müller: Als Siebenjährige lag ich wochenlang im Krankenhaus. Damals war es üblich, dass Besuch streng reglementiert und selten war. Ich befand mich allein auf einer Erwachsenenstation und vor allem allein mit meiner Angst. Ich stellte mir ein Kasperl-Theater vor: Der mutige Kasperl haute dem bösen Krokodil auf den Kopf und macht viele Späße. Mit diesen kraftvollen und lustvollen Vorstellungen von der Vertreibung des Bösen habe ich mich getröstet und beruhigt. Mutig sein ist tatsächlich eine innere Haltung, die aber nicht bedeutet, dass ich nicht gelegentlich Angst habe. Doch ich lasse mich von meiner Angst nicht in Gefangenschaft nehmen. Ich wünsche jedem Menschen Mut für die Verwirklichung von Lebensträumen und die Eroberung neuer Lebensräume. Das kann durch die Wiederherstellung der Gesundheit zu Land, zu Wasser und in der Luft bis hinaus ins Weltall geschehen. Es lohnt sich immer, Visionen und Lebensmut zu haben.

Vielen Dank für das Gespräch! 

 

Dr. Claudia Croos-Müller leitete den Neurologisch-Psychiatrischen Konsiliardienst am Klinikum Rosenheim. Sie ist ausgebildete EMDR-Therapeutin (Eye Movement Desensitization and Reprocessing). Diese Psychotherapieform wird zur Behandlung von Traumafolgestörungen angewendet. Auf ihrer Website gibt Croos-Müller jeden Monat Tipps für "Body 2 Brain"-Übungen. Eine kostenlose Body 2 Brain-App, die sie mit entwickelt hat, bietet 15 Übungen für Entspannung und die richtige Energie im Alltag.

 

(Grafik: Claudia Croos-Müller, "Alles gut - Das kleine Überlebensbuch", © 2017 Kösel-Verlag, München, in der Verlagsgruppe Random House GmbH)