"Nur mit Mut kann Fortschritt geschehen"

Dr. Mirjam Jenny  ist die Leitende Wissenschaftlerin am Harding-Zentrum für Risikokompetenz am Max-Planck-Institut für Bildungsforschung in Berlin.
Dr. Mirjam Jenny ist die Leitende Wissenschaftlerin am Harding-Zentrum für Risikokompetenz am Max-Planck-Institut für Bildungsforschung in Berlin.

 

Die Psychologin Dr. Mirjam Jenny forscht am Max-Planck-Institut für Bildungsforschung in Berlin an der Schnittstelle von Psychologie, Computerwissenschaften und Medizin. Aktuell entwickelt sie Entscheidungshilfen für den Medizinbereich, zum Beispiel für die Notfallmedizin und bei Anästhesieverfahren.

 

Frau Dr. Jenny, Entscheidungen von Ärzten können enorme Tragweite haben und richtungsweisend für die Zukunft eines Herzkinds sein. Wie viel Mut wird Medizinern dabei abverlangt?

Dr. Mirjam Jenny: Idealerweise gehört zum Beruf des Mediziners immer eine gehörige Portion Mut dazu. Besonders in Fällen, in denen Patienten von der Norm abweichen und man keinen standardisierten Regeln folgen kann. Dann braucht es auf Ärzteseite den Mut, Verantwortung zu übernehmen. Möglicherweise auch den Mut, zu Fehlern zu stehen. Leider finden wir in der Medizin häufig eine rückständige Fehlerkultur, in der, statt aus Fehlern zu lernen, diese lieber unter den Tisch gekehrt werden. Besonders viel Mut benötigen Ärzte, wenn sie glauben, dass es für die Patienten am besten ist, erst einmal abzuwarten. Wir erwarten von der Medizin häufig sofortige Lösungen, doch die daraus resultierenden ständigen Eingriffe, können Patienten mehr schaden als nützen. Da braucht es den Mut, und auf allen Seiten genügend Geduld, erst einmal abzuwarten und genau zu beobachten. 

Welche Rolle darf Mut in der Medizin spielen?

Dr. Mirjam Jenny: Junge Ärztinnen und Ärzte müssen Mut haben, Verantwortung zu übernehmen, Evidenz basiert vorzugehen und auch mal alteingesessenen Eminenzen zu widersprechen. Nur so kann Fortschritt geschehen. Forschende Mediziner müssen Mut haben, die spannenden Themen anzugehen, welche für die Patienten vielversprechend sind und nicht nur die "sicheren" Forschungsthemen zu beackern, welche bestimmt Resultate bringen, die dann aber vielleicht weniger bedeutsam sind. Dies gilt für jedes Forschungsgebiet. Die spannendsten Forschungserkenntnisse erlangen wir meist in den risikoreichen Projekten, die gerne mal etablierten Theorien widersprechen. 

In welchen Situationen sind Menschen besonders mutig?

Dr. Mirjam Jenny: Das Nichtstun fällt den meisten Menschen sehr schwer. Es ist für die Patienten jedoch häufig eine gute Wahl. Eltern benötigen Mut, den Ärzten einerseits zu vertrauen, ihnen aber falls nötig auch mal zu widersprechen oder kritische Fragen zu stellen. Schließlich kennen sie ja ihr Kind am besten. Fragen wie: Welchen Nutzen und Schaden hat diese Therapie? Welche Alternativen gibt es zur von Ihnen vorgeschlagenen Intervention? Ist es möglich, erst abzuwarten und genau zu beobachten? Sie sind der Schlüssel zu guten medizinischen Entscheidungen.

Vielen Dank für das Gespräch!

 

 

Für Ihre Dissertation zum Thema „Modeling how people judge, choose, and change their mind“ an der Universität Basel wurde Mirjam Jenny mit dem Emilie Louise Frey Preis vom Schweizer Verband der Akademikerinnen und der Vereinigung Basler Universitätsdozentinnen und mit der Otto Hahn Medaille von der Max-Planck-Gesellschaft ausgezeichnet. Jenny interessiert sich sowohl für medizinische Entscheidungsfindung und Risikokompetenz als auch für digitale Gesundheit und hat zusätzliche Kenntnisse in der kognitiven Modellierung subjektiver Wahrscheinlichkeitseinschätzungen.