Mut für neue Horizonte

Raumfahrtingenieur Volker Schmid ist verantwortlicher DLR-Missionmanager der Horizons-Mission.
Raumfahrtingenieur Volker Schmid ist verantwortlicher DLR-Missionmanager der Horizons-Mission.

 

Wenn der deutsche Astronaut Alexander Gerst am 6. Juni die Rakete besteigt und zur Internationalen Raumstation (ISS) fliegt, ist Volker Schmid mit dabei. „Irgendwie“ jedenfalls, sagt er. Schwerelos durch das All gleiten wird er allerdings nicht. Man braucht ihn auf der Erde. „Ich würde aber keine Sekunde zögern, wenn Alex fragt, ob ich ihn vertreten könnte“, scherzt er.

Volker Schmid ist Raumfahrtingenieur und verantwortlicher DLR-Missionmanager der Mission "Horizons". Über zwei Jahre lang organisierten er und sein Team für das Deutsche Zentrum für Luft- und Raumfahrt und im Auftrag der Bundesregierung alle deutschen Inhalte der Mission. Von Bonn aus bereitete er quasi die „to do“-Liste des Astronauten vor. Auch die Flagge der Stiftung KinderHerz fand so den Weg zur ISS. Ohne Volker Schmid und sein Team gäbe es die #MissionMut nicht.

Herr Schmid, Sie bleiben auf der Erde, Alexander Gerst startet ins All. Trotzdem brauchen nicht nur die Astronauten Mut. Erklären Sie uns warum!

Volker Schmid: Unser Team vom DLR und von der ESA diskutiert während der Vorbereitung die Inhalte und die Vorhaben der Mission. Wir ringen dann mit schonungsloser Offenheit um Experimentierzeiten und Upload-Massen. Das braucht von beiden Seiten Mut zu harten Kompromissen. Den Experimentatoren ist ihre Verantwortung bewusst. Besonders dann, wenn wir mit Projekten technisches und wissenschaftliches Neuland betreten und das Risiko hoch ist. Dazu kommt meist noch eine extrem kurze Laufzeit für die Projekte. Alle sind dann unter Druck, denn es soll ja auf den Punkt fertig werden und funktionieren. Von den Projektpartnern erfordert dies eine hohe Flexibilität, aber solche Herausforderungen spornen uns alle an und lassen uns kreative Lösungen finden. Der Gewinn an neuem Wissen und neuer Erfahrung ist dabei groß. Selten schafft es ein Experiment nicht zur Flugreife. Dann braucht es von allen Seiten Mut, das Projekt von der Liste zu nehmen, ohne zu wissen ob es irgendwann später realisiert werden kann. Bei Konflikten ist dann stets der Missionsmanager gefordert. Ich halte dem Team den Rücken frei. Manchmal gibt es dann „Prügel“ für Dinge, die man selbst nicht verursacht hat. Nichts zu tun, ist einfach. Ein Risiko zu tragen, erfordert hingegen Mut.

Müssen Astronauten auch mal mutig sein oder gilt immer die Devise „safety first“?

Volker Schmid: Der Moment, wenn sich beim Ausstieg zum ersten Mal die Schleuse der ISS öffnet und man nur noch die Erde unter sich sieht, verursacht bei jedem zumindest kurzzeitig ein mulmiges Gefühl und fordert Mut. Der Weltraum kooperiert nicht und ein Fehler kann tödlich sein. Im Notfall muss ein Astronaut innerhalb von Sekunden richtig reagieren können. Riskante Arbeiten, wie zum Beispiel ein Außeneinsatz an der ISS, werden deshalb zahlenmäßig möglichst klein und kompakt gehalten und gut trainiert.

Haben Sie jemals erlebt, dass die psychische Belastung zu hoch war?

Volker Schmid: Nein. Wesentlicher Teil ihrer Ausbildung ist, dass die Astronauten auf jede Situation angemessen und richtig reagieren können. Außerdem arbeiten sie im Team, haben täglich Ansprache von der Erde und Kontakt zu ihren Familien oder Angehörigen. Sie sind dort oben nicht allein.

In Köln haben wir unsere Flagge in Ihre Obhut übergeben. An gleicher Stelle verabschiedeten Sie  Alexander Gerst nach seinem letzten öffentlichen Auftritt.

Volker Schmid: Fast. Ich sehe ihn vor seinem Start noch einmal durch die Glasscheibe, bedingt durch die Quarantäne in Baikonur. Davon abgesehen mag ich Verabschiedungen nicht so sehr. Alex ist ja auch nur 400 Kilometer über uns.

Hätten Sie den Mut, selbst ins All zu fliegen?

Volker Schmid: Sofort. Ich bin aber auch mit meinem Job als Raumfahrtmanager extrem zufrieden. Mit unseren Experimenten betreten wir zusammen mit Alexander Gerst wissenschaftliches Neuland. Wir haben heute auf der ISS schon ein bisschen Star Trek. Gemeinsam verschieben wir technische und wissenschaftliche Grenzen zum Wohl der Gesellschaft. Das finde ich prima.

Vielen Dank für das Gespräch!

 

 

Alle deutschen Beiträge zu den Raumstationsprogrammen der ESA werden vom DLR Raumfahrtmanagement in Bonn koordiniert und gesteuert.