Ein Verfechter der Forschung - zu Besuch bei Jean Pütz

Zwei blaue Strichmännchen winken uns vom weißen Blatt Papier auf dem gläsernen Couchtisch. Jean Pütz schiebt die Zeichnung ein Stück beiseite, um den Kaffee zu servieren. Wir setzen uns. Die wulstigen Arme des gelben Sofas geben nach, als er sich herüber lehnt. „Das hat meine Tochter gemalt“, erklärt er beiläufig wie stolz. Julie Josephine geht in die 2. Klasse. „Sie überrascht mich immer wieder mit ihren neugierigen Fragen. Manchmal philosophieren wir regelrecht miteinander“, freut sich Papa Jean, Jahrgang 1936.

Ihren Wissensdrang hat das Mädchen vermutlich von ihm geerbt. Jean Pütz ist außerdem Vater zweier Söhne: Jean Junior (18) und Jörn (57), der an der Universität Straßbourg als Professor für Biochemie forscht und offenbar ganz nach dem Senior schlägt.  

Als „Mr. Hobbythek“ hat der gebürtige Kölner mit dem Zwirbelbart Zeit Lebens dafür gerungen, möglichst vielen Menschen mit „einem Minimum an Verständnis“  für naturwissenschaftliche und technische Zusammenhänge auszustatten. Das von ihm erfundene Format „Hobbythek“  flimmerte 345-mal im Westdeutschen, Norddeutschen und Bayrischen Fernsehen  über die Mattscheiben. Die Sendung wurde zwischen 1974 und 2004 ausgestrahlt – sie ist ein Stück deutsche TV-Geschichte. Ihre Mission: Wissenschaft zugänglich machen und ihren Nutzen im Alltag demonstrieren. Wie stellt man Käse her, wie braut man Bier oder wie mache ich Waschmittel selbst? Pütz schnürte seine kleinen Wissenspakete so, dass seine Zuschauer zu der Überzeugung kamen: Aha, wenn ich das weiß, habe ich einen Vorteil.

„Ich habe mir stets die Frage gestellt: Wie erkläre ich es meinem Kind?“, schmunzelt der Journalist und Buchautor. „Es ist nicht akzeptabel, Menschen in dem Glauben zu lassen, sie seien zu dumm, um die Wissenschaft zu verstehen.“ Dass der Charakterkopf Jean Pütz auch zur Rampensau taugt, nutze er geschickt aus. Er weiß, es ist einfacher Menschen über Emotionen zu erreichen: „70 Prozent unseres Lernens geht von Motivation aus und beginnt stets mit der Faszination für ein Thema.“ Ein Erfolgsfaktor der Hobbythek war also der Spagat zwischen seriöser Information und lockerer Präsentation.

„Ich bin eine rheinische Frohnatur. Natürlich habe ich mich anfangs gefragt, wie ich auf andere Menschen wirke. Für Wissenschaftler bin und bleibe ich wahrscheinlich ein Harlekin. Aber das nehme ich in Kauf“, sagt Pütz.

Zwei Erlebnisse aus früher Jugend befeuerten Pütz‘ Forschergeist und prägten seinen Einstellung. In der Volksschule eröffnete der grünschnäblige Jean einem Vetter, dass er Elektromechaniker werden wolle. Dieser spottete daraufhin: Was Elektrizität ist, wird man nie begreifen. „Das war mein Ansporn, die Gesetze der Physik zu studieren“, so Pütz.

Der junge Jean wuchs bei seiner Mutter im luxemburgischen Moselstädtchen Remich auf. Noch heute besitzt er den Luxemburger Pass. Der Vater betrieb bis in den 2. Weltkrieg hinein eine Braugaststätte in Köln. Der katholische Glaube wurde in der Familie sehr ernst genommen. Die Mutter wollte ihren Erstgeborenen von zwei Söhnen und einer Tochter als Priester sehen. „Mir gefiel das überhaupt nicht“, erzählt Pütz. Erst recht nicht, als man ihm in der Kirche weißmachen wollte, dass der Mensch nie erkennen werde, was Leben eigentlich bedeute. Jean wollte es aber begreifen.

Er schloss eine Lehre zum Elektromechaniker und ein Studium als Diplomingenieur der Nachrichtentechnik ab. Pütz widmete sich der Physik und Mathematik für das Lehramt (Sek. II) an der Universität Köln, mit Nebenfach Chemie. Auch das Studium der Soziologie und Volkswirtschaft mit Schwerpunkt empirische Mediensoziologie brachte er zu Ende. „Ich habe nie selbst geforscht, aber die Forschungen studiert“, betont er. 1970 landete Pütz beim Westdeutschen Rundfunk, wo er die Chance bekam die Redaktion Naturwissenschaft und Technik im kurz zuvor gegründeten dritten Programm aufzubauen. Die Geburt der Hobbythek war eingeleitet.

Weil eine Geburt aber auch von Sorgen und Ängsten umrankt sein kann, setzt sich Jean Pütz für die Stiftung KinderHerz ein. Die Stiftung möchte Kindern mit angeborenem Herzfehler die bestmögliche Behandlung sichern und unterstützt deshalb zukunftsweisende und nachhaltige medizinische Forschungsprojekte an Kinderherz-Zentren in ganz Deutschland. Eine Autofahrt genügte, um Pütz mit dieser Vision des Stiftungswirkens zu infizieren. Dabei kam die Fahrgemeinschaft um Jean Pütz und Stiftungsvorstand Sylvia Paul lediglich durch Zufall zustande. Beide wollten von Hamburg in Richtung Essen. „Frau Paul ist eine Überzeugungstäterin!“, resümierte der Wissenschaftsjournalist anschließend. „Herzfehler können aus Kindern, die so wunderbar lebendig sind und umher tollen, Patienten machen.“

Atl_files/contentbilder/KinderHerz-Botschafter/Jean Puetz2.jpgls Botschafter der Herzkinder macht sich Jean Pütz für Ihre Belange stark und setzt sich für die Förderung wissenschaftlicher Forschung ein - authentisch wie kein Zweiter.

„Ich halte es für sehr wichtig, dass Forschung öffentlich gemacht wird. Wissenschaft darf niemals nur zu Herrschaftswissen werden“, mahnt er. „Früher lebten Wissenschaftler in einer Parallelgesellschaft. Der einfache Bürger verstand kaum etwas von ihrem Tun, konnte nicht mehr folgen und wurde abgehängt. Dadurch entsteht Angst.“

Geordnetes Wissen soll dem Einzelnen helfen, erklärt Jean Pütz, beispielsweise in der Kinderherz-Forschung. „Es gilt, anhand der Forschungserkenntnisse Mittel und Behandlungswege zu finden, die herzkranken Kindern helfen“, betont er. „Im Grunde ist es eine wissenschaftliche Sensation, was bereits alles zum Wohle der Herzkinder möglich ist. Aber es gibt noch viel zu tun.“

 

Jean Pütz ist Initiator und Gründungsmitglied der Wissenschaftspressekonferenz in Bonn und Berlin (WPK.org – Die Wissenschaftsjournalisten) – „Die Mafia der Vernunft“, wie er sie nennt. Die Vereinigung setzt sich für seriösen und glaubwürdigen Wissenschaftsjournalismus ein. Von 1990 bis 2003 übte er das Amt des ersten Vorsitzenden aus. „Wir wollten eigene Themen setzen und nicht nur die Themen der Industrie bedienen“, erklärt Pütz. „Die Industrie ist unsere Werkbank. Dort werden unsere Ideen realisiert. Seltenere Erkrankungen, wie Herzfehler, versprechen aber keinen Profit. Da müssen der Staat oder Einrichtungen wie die Stiftung KinderHerz nachhelfen und fördern“. Jedes hundertste Kind kommt mit einem Herzfehler auf die Welt. Dank beträchtlicher Forschungsfortschritte in den jüngst zurückliegenden Jahrzehnten erreichen heute über 90 Prozent der Herzkinder das Erwachsenenalter.